Dorothee Rocke
*1949 in Kiel geboren
*1969-73 Sprachstudium in Köln
*1974-80 Studium der Bildenden Künste in Mainz
*1981 Gastdozentur für Malerei Universität Middlebury, Vermont *1981-1982 Arbeitsaufenthalt Berlin
*1984 Arbeitsaufenthalt Austin, Texas
*1988-92 Lehrauftrag Malerei, Universität Mainz
*1989 Perron-Kunstpreis Frankenthal
*1990-1991 Lehrauftrag Freie Gestaltung Fachhochschule Aachen *1994 Maler-Symposium Werfen Österreich
*1996 Stipendium Künstlerhaus Edenkoben
*1997 Gastprofessur für Zeichnung Fachhochschule Hamburg (Pentiment)
*1998 Mitglied Deutscher Künstlerbund
*2009/2010 Atelierstipendium Stiftung Bartels Fondation Basel
lebt und arbeitet in Frankfurt am Main
Jahresringe - Tageslinien
Auch in der Nacht
Arnold Stadler zu: Dorothee Rocke - Die versiegelte Zeit
Was sind das für Linien?
Bevor ich darüber nachdachte, wußte ich es noch.
Als Dorothee Rocke eines Tages damit begann zu zeichnen und aufzuschreiben, war sie mit ihrer Hand Richtung Sibirien oder Amerika, Südpol oder Franz-Joseph-Land oder auf ein Ziel hin, das sonst keinen Namen hat, unterwegs. Und mit ihren Beinen und ihrem Kopf sowieso, immer schon: unterwegs in eine der menschenmöglichen Richtungen. Verließ sie in den vergangenen Jahren ihre Wohnung in der Straße, die Passavant heißt, mußte sie sich gleich hinter der Haustür entscheiden, ob es Richtung Amerika oder in entgegengesetzte Richtung gehen sollte, und hat es auch immer getan, ob sie das wußte oder nicht. Per Luftlinie im Kopf, den sogenannten freien Gedanken, war sie bald in Amerika. Oder eben antipodisch.
Mit ihrem Kopf war sie längst da. Lange vor ihren Füßen. Und schneller als mit E-Mail und Lichtgeschwindigkeit. Unser Kopf kommt überall hin. Sein Geschwindigkeitsmaß heißt Sehnsucht. Das ist der Königsweg des Denkens. Oder der Kinderweg.
Diese Milchstraße hat einen Durchmesser von 200 Lichtjahren. So sagen es die Experten und wir glauben es, wie früher an ein Wunder. Und sagen nun wir wissen an der Stelle wo wir früher wir glauben sagten. Aber es gibt noch etwas, das schneller ist als E-Mail und Licht, mit einer Geschwindigkeit, die eines Tages, und wäre es in Lichtjahren, ankommt oder nicht: mit ihrem Gedanken war sie schon am Ziel, und wäre es Alpha Centauri oder die nächste Milchstraße, die nach fünfhundert Millionen Lichtjahren kommt oder vielleicht auch nicht.
Als wäre sie eine Handwerkerin, so war Dorothee Rocke auf diesem Papier linienweise unterwegs. Ist sie ja auch wie jeder Künstler. Aber dabei war es doch die alte Sehnsucht, irgendwo hin zu finden oder zu kommen. Mit ihrer Sehnsucht, die schneller und weiter ist als das Licht, war sie schon da. Die Bleistiftlinien sind der Beweis.
Was sehe ich nun ? Ist es ein Projekt?
Sind es Tageslinien? Ist es ein Weltraum? Ist es die Zeit?
Erlebte Zeit? Jahreslinien?
Tagesringe? Versiegelte Menschen auf Zeichengrund?